Gewalt und Anti-Gewalt-Arbeit


Seit über 12 Jahren beschäftige ich mich mit Ursachen und Folgen von Gewalt und bin praktisch engagiert in einem Anti-Gewalt-Projekt. Neben den Fragen der Ursachen von Gewalt geht es auch um Gewaltprävention, die Auswirkungen der Gewalt auf die Betroffenen sowie die Betreuung der Opfer von Gewalt. Zeitweise war ich der Leiter dieses Anti-Gewalt-Projekts mit dem Namen "Köln 19228" und verfasste dazu den Jahresbericht ("Anti-Gewalt-Bericht 2004"). Das Projekt "Köln 19228" ist eines der beiden führenden deutschen Anti-Gewalt-Projekte im Bereich antischwuler Gewalt.

Diese Seite berichtet speziell über diese Projektarbeit zur Bekämpfung antischwuler Gewalt (siehe unten). Auf anderen Seiten habe ich weitere allgemeine Informationen zu jugendlicher Gewalt, Hilfen und Gewalt in der Schule, Homosexualität und Tipps für Lehrer/-innen aufgelistet.

 

Opfer von antischwuler GEWALT

Jede(r) 4. bis 5. Lesbe/Schwule erfährt in ihrem/seinem Leben antischwule/antilesbische Gewalt. Das Spektrum reicht von Anfeindungen und Beleidigungen über Bedrohung, Erpressung, Raub und Körperverletzung und in Einzelfällen bis hin zu Tötungsdelikten.

Die Reaktionen der Opfer auf Gewalt sind sehr unterschiedlich:

Ungläubigkeit, Schock und Erschrecken über das Ereignis (Fragen wie: "dass MIR DAS passiert ist!?")
Gefühl der Stumpfheit, Taubheit oder Lähmung
Leugnung des Geschehens; Wunsch, das Gewesene ungeschehen zu machen
Tiefe Verunsicherung, Nervosität, Albträume, Wiederholungszwang
Wunsch, die Kontrolle über das Geschehen wieder zu erlangen; dies führt manchmal zu scheinbar unsinnigen Handlungen und massivem Sicherungsverhalten
Gefühle der Kränkung, Wut und Rache
Rückzug von Freunden und Freundinnen

Hilfen gegen Homophobie



Telefonische Beratung zu Coming Out, Schwulen und Lesben, direkt und anonym, gibt es in deiner Nachbarschaft - zum Ortstarif (Festnetz der Dt. Telekom) in vielen deutschen Städten unter der Rufnummer
19 446 (mit Ortsvorwahl)

unter anderen in folgenden Städten: Berlin (030), Bochum (0234), Dortmund (0231), [in Düsseldorf unter einer anderen Nummer: 0211 - 49 53 453], Frankfurt/M. (069), Kiel (0431), Köln (0221), Koblenz (0261), Ludwigshafen/Mannheim (0621), München (089), Münster (0251), Nürnberg (0911), Stuttgart (0711).

Die Gründe: Homophobie - warum?

Was ist Homophobie?

Homophobie bezeichnet eine irrationale Angst vor Homosexualität - sie ist gerichtet sowohl gegen Lesben als auch Schwule, aber auch jede/n anderen, wenn sie oder er für lesbisch oder schwul gehalten wird. Der Begriff "Homophobie" umfasst also den den Hass, Ekel und die Vorurteile, welche wiederum Angst und infolgedessen Aggression und Gewalt produzieren gegenüber Schwulen und Lesben. Verkürzt wird "Homophobie" manchmal als "Schwulenfeindlichkeit" bezeichnet. Fakt ist: in vielen Ländern der Welt gibt es Schwulenfeindlichkeit. In einer Anfrage im Bundestag antwortete die Bundesregierung, in welchen Ländern Homosexualität von Staats wegen verboten ist (Bundesdrucksache 16/3597 pdf).

Relativ ratlos fragen Viele: Woher kommt die Schwulenfeindlichkeit? Zur Antwort auf diese Frage gibt es verschiedene Begründungen:

Wirtschaftliche Gründe: Manche Beobachter führen homophobes Verhalten auf eine fehlende wirtschaftliche, technische, kulturelle bzw. intellektuelle Entwicklung zurück. Dies würde bedeuten, dass Homophobie durch Bildung und Wohlstand verhindert werden kann. Aber selbst wenn Wohlstand vorhanden ist, kann es zu Homophobie kommen, weil in bestimmten Gruppen Angst vor sozialer Unsicherheit und Streben nach Macht besteht. Wissenschaftlich ausgedrückt: Menschen in einer sozio-ökonomisch schwierigen Lage würden allgegenwärtige (heterosexistische) gesellschaftliche Normvorstellungen eher übernehmen, da der Einklang mit solchen Normverstellungen einerseits Sicherheit vermittelt und andererseits mit Homosexuellen eine Gruppe gefunden ist, die vermeintlich noch schwächer ist.

Gesellschaftliche Stereotype: Aus Sicht der Sozialpsychologie ist das soziale Erlernen von Vorurteilen und Stereotypen Ursache für Homophobie. Sind Vorurteile und Stereotype einmal vorhanden, verstärken sie sich laufend selbst, indem man an Homosexuellen nur noch genau das wahrnimmt, was dem Stereotyp entspricht: "Schwule sind so..." Stereotype werden bereits früh vermittelt. Dabei werden Vorurteile und Erwartungshaltungen der sozialen Umwelt (auch z. B. religiöse Überzeugungen) oft gedanken- und kritiklos übernommen.

Psychologische Gründe: Die Anfälligkeit für den Mechanismus "Stereotype" zu übernehmen, ist nicht bei allen Menschen gleich stark ausgeprägt. Denn, so die Sicht der Tiefenpsychologie, Homophobie dient der Abwehr von Ängsten, und das umso stärker, je geringer das Selbstwertgefühl eines Menschen ist, je geringer seine soziale Integration und je schlechter seine soziale Lage ist. Die Ängste der diskriminierenden Menschen werden allerdings nicht direkt spürbar, weshalb die These, dass Angst die Hauptursache für Diskriminierungen sei, für viele zunächst schwer nachvollziehbar ist. Die Tiefenpsychologie benennt folgende unbewussten Ängste und Bedürfnisse, die mithilfe von Homophobie aus dem Bewusstsein ferngehalten würden:

Angst vor eigenen lesbischen bzw. schwulen Zügen
Fälschlicherweise verstehen viele Jugendliche homosexuelle Züge als Weiblichkeit. Die Folge ist, dass selbst homosexuelle Jugendliche besonders "männlich" auftreten wollen. Die Angst vor homosexuellen Anteilen der eigenen Sexualität gilt als einer der wichtigen Gründe für Diskriminierungen Homosexueller. Dafür sprächen auch Untersuchungen mit rechtsextremen Jugendgruppen, die Gewalt gegen Schwule ausüben und sich betont hart und männlich geben (bitte beachte, dass solche Jugendgruppen nicht mit „den“ Skinheads gleichzusetzen sind, da diese politisch sehr unterschiedlich sind, vgl. "Nazis"). Unterschwellige homoerotische Tendenzen, die es in solchen Männerbünden auch gibt, würden bei diesen Jugendlichen eine „weit überdurchschnittliche Angst vor der eigenen Homosexualität“ wecken. Der Angst vor eigenen homosexuellen Anteilen liege oft eine noch größere Angst zugrunde, nämlich die Angst, emotional berührt zu werden.

 

Homosexualität als „das Abweichende“ schlechthin
Aus der Sozialpsychologie ist bekannt, dass Aggressionen, die eigentlich Autoritäten gelten, auf vermeintlich Schwächere, auf Minderheiten umgelenkt werden. Studien belegen, dass solche Aggressionen schnell auf andere Minderheiten verschoben werden können, beispielsweise auf Juden oder Ausländer. Lesben und Schwule stellen durch ihre sexuelle Orientierung und zum Teil durch ihre Lebensweisen Normen infrage, so dass sie in eine Außenseiterposition gedrängt würden.


Politische Gründe: Angst vor der Infragestellung gesellschaftlicher Normvorstellungen

Homosexuelle Orientierungen und vor allem ein offen homosexuelles Leben fordern konservative gesellschaftliche Normvorstellungen heraus. Zu diesen Normvorstellungen können auch religiöse Vorstellungen gehören. Typische konservative Normvorstellungen sind die "traditionelle Familie" und ein "Männlichkeitsideal" (siehe unten). Nach sozialpsychologischen Untersuchungen von Theodor W. Adorno haben wir alle Tendenzen, auf ungewohnte Verhaltensweisen mit Verunsicherung und oft auch Aggressivität zu reagieren. Hinzu komme, dass man diejenigen, die von den Regeln abweichen, nicht nur verachte oder hasse, sondern auch häufig unbewusst etwas um ihren Freiraum beneide.


Angst vor dem „Angriff“ auf die traditionelle Familie

Dass zwei Lesben oder zwei Schwule intim und partnerschaftlich zusammenleben, wird als ein Angriff auf die Vorstellung derjenigen angesehen, die sich als einzige Form des Zusammenlebens nur die von Mann und Frau vorstellen wollen. Zwar pflegen heutzutage auch heterosexuelle Paare oft nicht die traditionelle Rollenhierarchie (der Mann bestimmt über die Frau) einer Kleinfamilie, aber diese Rollenhierarchie werde durch homosexuelle Paare sichtbarer infrage gestellt. Männer in einer Partnerschaft mit traditioneller Rollenverteilung fühlten sich häufiger als Frauen davon bedroht, dass in homosexuellen Beziehungen die Rechte und Pflichten immer wieder neu ausgehandelt werden müssten und es dadurch keine festen Machtpositionen gebe.


Angst vor Infragestellung des gängigen Männlichkeitsideals

Heterosexuelle Männer, deren Verhältnis zu anderen Männern hauptsächlich von Rivalität geprägt ist, fühlen sich oft davon provoziert, dass ein Schwuler mit einem anderen Mann intim verbunden ist. Der Glaube, dass Geschlechterrollen und Männlichkeit durch Homosexualität drastisch infrage gestellt würden, führe zu einer tiefgreifenden Verunsicherung der Betroffenen, die sie sich aber nicht eingestehen, sondern durch Abwertung Homosexueller abwehren. Es geht hier nicht primär darum, dass manche Schwule sich „feminin“ (weiblich) verhalten, sondern darum, dass Schwule oft auch „weiche“ Seiten leben, die viele heterosexuelle Männer sich nicht erlauben, obwohl sie sie gleichermaßen besitzen.


"Anti-Gewalt-Arbeit" - bitte das Copyright für Abbildungen/Präsentationen beachten:  Frank G. Pohl: www.frankpohl.de - fgp - Version 4 -  6/2007

- Update: 10.09.2010

<- Dieser Aufkleber wurde 2003 von mir entworfen und wird seitdem für das Projekt "Köln 19228" verwendet.