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PISA-Studie 2002 und Ganztag
Jede vierte Schule in Deutschland soll bis nachmittags unterrichten / Von Anna von Münchhausen

(..)Im zehnten Kinder- und Jugendbericht aus dem Jahr 1998 hatte die rot-grüne Bundesregierung festgestellt: "Für Kinder zu sorgen und sie beim Aufwachsen zu begleiten, ist keine Lebensform, für die in dieser Gesellschaft in ausreichendem Maße die notwendigen Vorkehrungen getroffen, Zeit und Räume bereitgestellt und die materiellen Mittel angeboten werden." 
Doch was sich nun im Koalitionsvertrag [2002] so flüssig liest ("Jede vierte Schule in Deutschland sollte ganztägigen Unterricht anbieten"), bringt jede Menge Schwierigkeiten mit sich. Schwierigkeiten, die nicht nur Schulleitern schlaflose Nächte bereiten, sondern den Alltag von Eltern, Kindern und Lehrern umkrempeln werden. Zwar wird der Ganztagsschule kaum noch unterstellt, sie sei ein familienfeindliches Programm zur Entfremdung der Kinder. Denn von der "gebundenen", also für alle verpflichtenden Ganztagsschule ist längst keine Rede mehr. Das Zauberwort heißt nun "additives System": Man baut auf Freiwilligkeit und fügt dem Lehrplan nach dem vormittäglichen Pflichtunterricht fakultativ die gemeinsame Mahlzeit, Hausaufgabenbetreuung und etwas Unterhaltung hinzu.

Die Mainzer Gleisbergschule hat den Umbau gewagt. Als vor einem Jahr das rheinland-pfälzische Kultusministerium einen Modellversuch ausschrieb, meldete sich Schulleiter Jochen Ziegler. Ja, verkündete er, ganztags müsste hier machbar sein. Das Spiel hieß: "Wir bauen eine Ganztagsschule, und zwar in drei Monaten." Der Mann mit der Statur des Problemlösers ahnte nicht, was auf ihn zukam: "Die vergangenen sechs Monate waren die arbeitsintensivste Zeit in meinem Berufsleben." Für ihn, seine Stellvertreterin Gisela Froböse und seine Koordinatorinnen Maria Chowdhury und Karin Martin stellt sich die Umbauphase als Lernerlebnis der unbekannten Art dar. Am Anfang stand ein Seminar: "Was wollen wir anbieten? Was können wir realisieren?" Eine Art Gerüst wurde formuliert, in dem das Gewünschte und das Machbare noch ungeordnet durcheinanderwuchsen. Die nächste Phase: Raum-Check. Wie viel Platz brauchen 138 Kinder am Nachmittag zum Essen, zum Sauerstofftanken (auch bei Regen), zum stillen Arbeiten und für Sport, Musik oder Werken? Wo verstecken sich Platzreserven, wo muss umgebaut werden? Wo wird gegessen - in der Lehrküche? Das Ordnungsamt verbot es. Inzwischen ist in einem Klassenraum daneben die Mensa eingerichtet, in drei Schichten werden unter Geschrei Lasagne, Spaghetti und Fischstäbchen verzehrt.

Bis es soweit war, mussten Caterer gefunden, Angebote verglichen, Mahlzeiten-Module geprüft werden ("Unser Kartoffelpaket umfasst 30 Varianten"). Ein Testessen des Kollegiums half Ziegler bei der Entscheidung. Öfen, Tabletts, Geschirr - "Ich habe jede Gabel ausgesucht." Dann wurden die Verträge mit den Eltern geschlossen, bindend für die Dauer eines Schuljahrs. 2,50 Euro kostet das Essen am Tag, alle weiteren Angebote sind kostenlos. Verträge einsammeln, säumige Zahler mahnen: auch das kostet endlos viel Zeit und Energie.
Aber der Nachmittag sollte ja mehr bieten als Verpflegung, und keinesfalls darf es damit enden, dass die "liebgehabten" Kinder mittags fröhlich verschwinden, während die aus ihrer Sicht "Armen und Doofen" verlängertes Nachsitzen erleiden. "Wir sind dazu verdammt, ein Programm zu entwickeln, das den Kindern Spaß macht, so dass sie gern bleiben", erkannte der Schulleiter.
Um insbesondere Kindern etwas zu bieten, die sonst nachmittags dem Fernseher überlassen sind, braucht man Zeit, Hilfe, Ermutigung und Material. Streifräume nennen das Soziologen. Wie aber könnte das ideale Zusatzangebot aussehen? Immerhin reicht das Spektrum deutscher Schulkinder inzwischen von "überbehütet, unselbständig, klagebereit" bis "hochbegabt, hypermobil, unterfordert". 

Der Mehrbedarf an Personal für den Ganztagsbetrieb liegt bei durchschnittlich 30 Prozent. Aber Anwesenheitspflicht für Lehrer am Nachmittag? Das hätte einen Aufstand im Kollegium zur Folge gehabt, und auch das Beamtenrecht schiebt einen Riegel vor. Da zudem von vornherein klar war, dass neue Lehrer-Planstellen allenfalls zögernd genehmigt werden würden, ging Ziegler auf die Suche nach Gruppenleitern. Wer kann etwas, wer macht schon Ähnliches? Nach etlichen Bewerber-Gesprächen wurde eine Reihe von Dienstleistungs- und Kooperationsverträgen abgeschlossen, mit Trainern von Sportvereinen, mit der Katholischen Jugendzentrale in Mainz, mit Mitarbeitern der Musik- und Volkshochschule. Angeboten werden Projekte wie "Zirkusspaß", "Pop-Zeitung", "Foto-Roman", Flöten, Hockey, "Tiere malen", "Lernen lernen", "Mathe ohne Stress", oder Videos drehen. Aber hier lauert auch der größte Konfliktstoff: Was die Kinder wünschen, halten Eltern oft für überflüssig oder "zu anstrengend". Viele von ihnen sähen es am liebsten, wenn der Nachmittag als eine einzige ausgedehnte Nachhilfestunde gestaltet würde. Dass Neigung, Angebot und Kapazitäten nicht immer übereinstimmen, ist daher die Regel. 

Schon am zweiten Tag nach den Sommerferien wollte ein Anrufer aus dem Mainzer Bildungsministerium allerdings wissen, ob das denn auch alles laufe wie geplant... Nicht einmal jetzt klappt alles, und wen sollte es wundern. Im Projekt Mädchenfußball kicken munter Angelina, Meketes und Cathrin, während acht Mitschülerinnen schlechtgelaunt auf der Bank sitzen, weil sie Fußball doof finden, aber trotzdem in dieser Gruppe geparkt wurden. Und kurz vor 16 Uhr ist auch der eine oder andere Zweitklässler so erledigt, dass er kaum noch die Bastelschere in der Hand halten kann. Das alte Lied: Nicht alles ist für alle gut, und schlecht ist generell, dass der Etat vorn und hinten nicht reicht. Der Umbau der Gleisberg-Schule hat das Bundesland und die Stadt Mainz bislang schätzungsweise je 100000Euro gekostet. 
Was das Mainzer Kollegium erlebte, steht nun noch tausend anderen bevor: Sie werden im autodidaktischen Hauruck-Verfahren Manager eines Bildungsbetriebs mit Fachrichtung Personal, Beschaffung, Prozeß-Steuerung, Vertragsrecht und Etat-Verantwortung. "Pannen, die sich in einer Halbtagsschule noch kaschieren lassen, schlagen in einer Ganztagseinrichtung gnadenlos durch", befürchtet ein Hamburger Schulleiter. Hilfreich wäre angesichts dieser Risiken womöglich der Blick ins Ausland. Besonders die Schulen in Schweden und Dänemark gelten als vorbildlich, und das unter anderem, weil die skandinavischen Pädagogen selten der Versuchung des Perfektionismus erliegen. Man vertraut der pädagogischen Intuition, fördert die Lust am Improvisieren und hält Schulleiter grundsätzlich für kompetent und entscheidungsfreudig. So dürfen sie sich zum Beispiel ihre Mitarbeiter selbst aussuchen, eigenmächtig didaktische Schwerpunkte setzen und mit anderen Schulen kooperieren.
"Arbeit sparet nicht noch Mühe...", forderte Bertolt Brecht in seiner berühmten Kinder-Hymne. Auch wenn die Vorstellungen der Politik nun eilig in die Tat umgesetzt werden: Die Ganztagsschule als Regelfall wird in Deutschland so schnell nicht Einzug halten. Aber eine funktionierende davon in halbwegs erreichbarer Nähe - soviel dürfen Eltern schon erwarten. Zumindest für Kinder, die 2002 geboren wurden.
 
Textauszug aus: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.10.2002, S. 53
 
 


 
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"PISA: Ganztag":  Frank G. Pohl: www.frankpohl.de - fgp - Version 4 -  05/2007
- Update: 17.05.2007