1997 begann ich meinen Dienst als Lehrer. Als ich 1999 diese Seite entwarf, waren weder die Ausmaße von "Erfurt" oder "Emsdetten" noch von "PISA" präsent. Erst nach und nach änderte sich die öffentliche Diskussion über Lehrer.

 

Inhalte der Seite

1. Das öffentliche Lehrerbild: Wer kennt sie nicht, die gängigen Vorurteile?

Vorurteile, sechs Sprüche, einige Provokationen und Informationen (eigener Text vom Mai 1999)

2. "Zwischenrufe aus dem Lehrerzimmer": Was sich wirklich ändern muss!

Ein Text, dem ich nur zustimmen kann (aus: "Erziehung und Wissenschaft" 10/2002).

3. Online-Hilfe und Unterstützung für Lehrerinnen und Lehrer:

Informationen zu meiner Personalrats- und Gewerkschaftsarbeit sowie Tipps und Online-Hilfen nach Stichwörtern von A-Z

4. Reaktionen und Diskussionen nach den PISA-Ergebnissen:

Beispiele: PISA und die Eltern, PISA und Ganztag (Textauszüge aus dem SPIEGEL und der FASZ)



1. Das öffentliche Lehrerbild:

"Was bleibt übrig, wenn ein Lehrer vom Auto überrollt wird?
Antwort: Ein plattgefahrener Urlaubskatalog!"
Na, war das lustig? Denn:

Wer kennt sie nicht, die gängigen Vorurteile?

Die folgenden Texte dieser Seite beschäftigen sich mit den gängigen Vorurteilen. Ich habe sie in 05/1999 verfasst. Damit wollte ich auf meiner fgp-Website - neben der Unterstützung und Information für SchülerInnen- auch einen kleinen Beitrag zur LehrerInnen-Situation beisteuern, denn "Bildung" war zu Beginn meiner Berufstätigkeit nicht das große gesellschaftliche Thema.

Hier gibt es provozierende Antworten zu Vorurteilen wie:
Lehrer seien faul und Beamte, hätten zu viel Ferien und würden in der Schulzeit sogar auch noch hitzefrei bekommen. Außerdem verdienten sie zu viel, denn die Vorbereitung von Unterricht nehme nicht so viel Zeit in Anspruch.

Wer sachlichere Informationen bevorzugt, erhält sie hier:
die konkreten Arbeitszeiten, geänderte Anforderungen an LehrerInnen, der Stress, heutige SchülerInnen und die verschlechterten Arbeitsbedingungen.

 
Und zum Abschluss der Seite gibt es noch einen Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1999.

Technischer Hinweis: Da diese Seite sehr lang ist, kommst du mit diesem Button   immer zurück zu dieser Inhalts-Übersicht.
 

Danke für dein Interesse!



Mai 1999

Es geht los mit diesem kleinen Sätzchen:
"Ja,ja. Lehrer müßt man sein..."

 

6 Sprüche und provozierende Antworten zum Reizthema "Lehrer"

1.) "Lehrer sind faul!"

Erster Denkfehler: Ganz viele "Lehrer" sind Lehrerinnen.
Du meinst das sei unwichtig? Dann vergleiche deine Meinung mal mit einem unten stehenden Lehrerinnen-Bericht!

Zweitens: Meine Erfahrung ist: Es gibt ganz wenige, die sich nicht für die Schule und/ oder ihre SchülerInnen einsetzen (können).

Auf der anderen Seite ist natürlich wahr, dass es schier unmöglich ist, schlechte bzw. faule Lehrer (weil Beamte) wieder loszuwerden. Weil das aber, wie gesagt, nur für sehr wenige gilt, ist die obige Aussage für die Mehrheit der engagierten LehrerInnen, die täglich ihren "Mann stehen", ein Schlag ins Gesicht.

Drittens: Abgesehen davon könnte man in den obigen blödsinnigen Satz jede andere Berufsgruppe (insbesondere des/derjenigen, der/die ihn sagt) ergänzen und ich könnte mit Sicherheit ebenso Argumente oder Erfahrungen von mir und dem Bekanntenkreis nennen, um ihn dann zu belegen.

Wer hatte nicht schon in seinem Umfeld faule Handwerker, Mediziner, Anwälte, ArbeitskollegInnen...?



2.) "Lehrer haben zu viel Ferien!"

Dem stelle ich entgegen:

1. Bei einer 70 Stundenwoche ist der (sonst unbezahlte Überstunden-) Ausgleich durch freie Tage doch wohl gerechtfertigt!

2. Alle Arbeitszeituntersuchungen über LehrerInnen belegen, dass die Jahresarbeitszeit trotz Ferien durchschnittlich über der anderer Berufstätiger liegt.

3. Zugleich wäre ich auch einverstanden, wenn ich meine Überstunden bezahlt bekäme und auch die gleiche Zahl von Urlaubstagen erhielte wie Angestellte. Dann kann ich gerne in der "Ferienzeit" in der Schule täglich weiterarbeiten (so ein Vorschlag der "Jungen GEW"), die bisherigen Tätigkeiten von zuhause nach dort verlegen (wo ist dort mein eigener Schreibtisch?) und tatsächlich mit KollegInnen immer stärker geforderte innovative Unterrichtskonzepte kooperativ erarbeiten. Dann kann ich auch auf der anderen Seite wirklich "Urlaubstage" anders verwenden wie zur Zeit noch (für Außen-stehende "unsichtbar") in der schulfreien Zeit: für die Korrekturen, Durchsicht von SchülerInnen-Mappen aus dem Praktikum, Vor- und Nachbereitung von Unterricht, Lehrerkonferenzen, Nachprüfungen.

Mancher glaubt`s kaum, aber: LehrerInnen sieht man auch in den Ferien in der Schule!

MERKE: Der erste Arbeitsplatz des Lehrers ist nicht die Schule, 
                 sondern der Schreibtisch!

Und noch was:

Über finanzielle Nachteile, die Lehrer haben, weil sie in ihrem gesamten Berufsleben nur während der Ferien (also: Hauptsaison) in Urlaub fahren können, wird in der Öffentlichkeit nie diskutiert.
Sie können nicht mal eben ein verlängertes Wochenende planen, sich zwei Tage Urlaub nehmen, Brückentage zu einer Ferienwoche verlängern oder Last - Minute buchen...


3.) "Lehrer sind überflüssigerweise Beamte!"
 

Nicht aus Sicht des Staates (ich bin ja kein Staatsrechtler), nur aus der Schulperspektive spricht manches dafür, aber auch dagegen:

Es spricht u.a. folgendes für das "Lehrerbeamtentum":

Lehrersein ist immer einem starken gesellschaftlichen Konfliktfeld ausgesetzt, da schützt das Beamtentum einerseits den Lehrer als Arbeitnehmer, andererseits dient es zum Teil auch SchülerInnen, weil notwendige unliebsame pädagogische Auseinandersetzungen geführt werden können (mit Schule, KollegInnen, Eltern, SchülerInnen), ohne dass der Lehrer den Arbeitsplatzverlust befürchten muss.
Außerdem wird durch das Beamtentum einer möglichen Bestechlichkeit vorgebeugt. 

Dennoch: 

Gegen das Lehrerbeamtentum und damit für seine Abschaffung spräche m. E. , dass dann auch Lehrer wie andere Arbeitnehmer streiken könnten, wenn der Arbeitgeber - in diesem Fall der Staat - unzumutbare Verschlechterungen durchsetzen will oder - wie jetzt - kommentar- und widerstandslos durchgesetzt hat.

Beispiel:   - Welche Arbeitnehmer würde sich eine verordnete
                     jährliche Gehaltskürzung um 400,- DM gefallen lassen 
                     (1999 eingeführter Eigenanteil bei Kranken- 
                     leistungen)?

- Welche Arbeitnehmer würde es sich gefallen lassen, zusätzliche unbezahlte (und mit keinem Arbeitnehmervertreter ausgehandelte) Überstunden machen zu müssen? Und dies in der Branche flächendeckend für alle jüngeren ArbeitnehmerInnen? (Erhöhung der Pflichtstundenzahl)

4.) "Lehrer bekommen, wie kein anderer Arbeitnehmer, hitzefrei!"

Falsch. LehrerInnen gehen nicht nach Hause, wenn SchülerInnen hitzefrei bekommen, sondern arbeiten in der Schule weiter (zum Beispiel in ihren Fachräumen).
 


5.) "Ja, am Anfang des Lehrerberufs muss man viel mehr vorbereiten, aber später hast Du ja dann Dein festes Programm!"

Gegenrede:

Für manche Fächer (wie Mathematik, Biologie, Sport etc.) mag das vielleicht (!) zutreffen, denn ein bestimmter Fisch sieht in Bio. auch noch in 10 Jahren gleich aus (hoffentlich), aber in Sowi ändern sich die Themenschwerpunkte und Herangehensweisen (nehmen wir als Beispiel das Thema "Demokratie") und müssen sich ändern, um für SchülerInnen noch begreifbar zu sein, so dass immer neue Materialien und Methoden überlegt, gesucht und vorbereitet werden müssen.

Selbst wenn man unterstellen würde, dass die Methoden gleich bleiben würden (was den veränderten Anforderungen der Schülerschaft widerspricht), so ist für die (wissenschaftlichen) Inhalte im Unterricht bewiesen, dass die Halbwertzeit des Wissens immer kürzer wird. Daher sind LehrerInnen auch (dienst-) verpflichtet, ihre Inhalte wissenschaftsorientiert - also auf aktuellem Stand - zu halten. 

6.) "Lehrer verdienen zu viel!"

1. Keine andere Berufsgruppe wird so oft nach ihrem Verdienst gefragt, obwohl gerade bei Beamten viel größere Transparenz als in der Gesellschaft sonst herrscht, wer wieviel verdient.
Den Verdienst kann man in Besoldungstabellen nachschauen - unterschiedlich danach, ob un-/verheiratet, mit/ohne Kindern, nach Alter, Dienstzeit. Diese Tabellen gibt’s bei den Verwaltungen, Gewerkschaften, Verbänden - und natürlich bei LehrerInnen.)

Meine Meinung:
Schade, dass nicht jedeR sein Einkommen zum Vergleich preisgeben muss.

2. Im Vergleich zur freien Wirtschaft kann man als Lehrer, trotz akademischer Ausbildung, nur erheblich weniger verdienen. 
Leistungszulagen oder Mehrverdienst durch Überstunden sind fast unmöglich. 

3. Im Gegensatz zu anderen Arbeitnehmern bekommen LehrerInnen Überstunden, die sich häufig zwingend aus dem Job ergeben (Sozialarbeiter wissen, wovon die Rede ist) nicht bezahlt.

4. Es gibt nach Besoldung gar nicht "die Lehrer".
Die Unterschiede zwischen Studienräten, Lehrern, Lehrern für Sonderpädagogik, Studiendirektoren etc. sind, bezogen auf Tätigkeit und Besoldung erheblich. Dementsprechend sind die Aussagen über finanzielle Lagen auch meist unzutreffend - wenn man nicht genau hinschaut oder sich nicht die Mühe macht, genau zu sagen, WER in welcher Anstellung WIEVIEL verdient. 

Häufige Unterschiede sind:
- das Alter (junge LehrerInnen bekommen weniger als ältere - nach welchem Prinzip? nach dem Leistungsprinzip zu Recht?)
- die Schulform (Gymnasium mehr als Realschule),
- das Dienstalter,
- ob un-/verheiratet, mit / ohne Kinder.

MERKE: Das Leistungsprinzip hat - entgegen allen Beteuerungen - tatsächlich nicht Einzug in die Schule und die Vergütung von Beamtentätigkeiten gehalten...

Wenn man - wie bei Angestellten in der freien Wirtschaft- neben einem Grundgehalt außerschulische Überstunden vergüten würde, wäre dies wahrscheinlich ein gerechterer Ansatz.


 

6. Ein konkretes Beispiel zu Verdienst und Arbeitszeit:

- Realschullehrer (Stand:05/99): 
- "28 Stunden Unterricht pro Woche" (plus zwei unbezahlte Vertretungsstunden im Monat)
- um diesen Job zu organisieren ergeben sich folgende Arbeitszeiten:

der schulische Arbeitstag: beginnt um 7.30 (Aufsicht/Vorbereitungen in der Schule) und endet um 13.10
(ohne Pausen, denn nur SchülerInnen haben Pausen und denken Lehrer hätten sie dann auch - Iaber Irrtum: gerade dann finden die zahllosen, nötigen Absprachen statt, und Pausenaufsichten gehören auch zu den "Pausen")

Auch wenn Unterrichtsstunden nicht vergleichbar sind mit Arbeitsstunden im Büro (als ehemaliger Industriekaufmann weiss ich, wovon ich spreche), aber lassen wir das auch mal beiseite, dann beträgt die Arbeitszeit dennoch:
= 5, 5 Std. mo-fr.

Häusliche Vor- und Nachbereitung*:
Mindestens 4 Stunden täglich (!)
(*Zur Nacharbeit im häuslichen Büro zählen Durchsicht von Heften, Klassenarbeiten, Materialbeschaffung und -gestaltung, Organisation bestimmter Unterrichtsmethoden, etc.)
= 9,5 Stunden-Tag mo-fr (plus Wo-End-Arbeit, mind. 4 Stunden)

Hinzu kommen weitere Dienstpflichten:

- Lehrerkonferenzen (sind trotz aller Widerstände selbst unter Lehrern notwendig: in jeder Firma gibt es Dienstbesprechungen, in denen Firmen-interna besprochen werden; Teambesprechungen in anderen sozialen Beufen sind ebenso obligatorisch)

- Schulkonferenzen,

- Beratungsgespräche mit SchülerInnen,

- Klassenkonferenzen,

- Aufsicht bei musisch-kulturellen Schulveranstaltungen,

- Elternabende,

- Elternsprechtage

- Zeugniskonferenzen

- Elterngespräche am Telefon

- Fachkonferenzen über Unterrichtsinhalte und Projekttage, - 

- Stadtteilkonferenzen, 

- Besprechungen mit Firmen oder Verbänden, die Leistungen für 
SchülerInnen erbringen können (z.B.: Betriebserkundungen),

- Fortbildungen (über die reguläre Arbeitszeit hinaus, z. B. am 
Wochenende)...und und und 

Was steht dem gegenüber?
1. Ein abwechslungsreicher, anspruchsvoller Beruf, der viel Selbstständigkeit des Einzelnen verlangt , aber auch bietet.
2. Um auch hier konkret zu sein: 
  Was verdient ein Beamter? 
beim selben Beispiel: 
33jähriger Lehrer, unverheiratet, Besoldungsgruppe A 12 (St

Bruttoverdienst: 5315,04 DM

abzügl. Steuern:    1183,83 DM (Ja, Beamte zahlen Steuern!) Krankenvers.:          341,49 DM (incl. Eigenanteil)
BaföG-Rückzahl.:       200,- DM (Danke, Helmut!)

Netto: 3589,72DM

(und bitte jetzt den Stundenlohn ausrechnen...)

Ich weiss: 
Manche, die sich entrüsten, müssen wirklich mit viel weniger auskommen. 

Nur war ich ja auch schon in der freien Wirtschaft tätig und lasse mir trotz Neid und Mißgunst nichts vormachen: Nicht studierte Handwerker mit einer 70 Std. - Woche können wohl mit mehr rechnen, oder? Laut Berechnung des Statistischen Bundesamtes stehen dem deutschen Durchschnittsverdiener 5000 Mark netto zur Verfügung (Quelle: DIE WELT, 26.4.2000, Seite 40).
Und in der Zeit, in der ein Lehrer noch studierte, im Studium ohne/mit BaföG auch noch jobbte, um sein Leben/Studium zu finanzieren, hat der Handwerker, der/die Angestellte etc. doch auch schon fleißig Geld verdient und Kapital bilden können, oder?



Zu dieser Seite sind Widerspruch und Anregungen erwünscht!
 



...und nun noch ein Blick auf einen Arbeitsplatz namens Schule: 

"Schule heute"


(Quelle: 20 Minuten Köln, 14.09.00, S. 6)

Die selbst ernannten Experten:

JedeR war mal SchülerIn
- aber ist "damals = heute"?

"Vorwort": Den gängigen Vorurteilen möchte ich eine Makrosicht auf schulische Realität zur Seite stellen, denn Schwierigkeiten in der alltäglichen Berufswirklichkeit aus einer Lehrersicht sind anders als sensationsgierige "Exclusiv"-Berichte über häufig in den USA herumballernde und auch bei uns immer gewalttätiger werdende Schüler, weil diese Berichte so nicht der Mehrheit der SchülerInnen von heute gerecht werden und der Schule auch nicht bei ihren Problemen helfen!

Wenige, blitzartige Fakten über den Arbeitsplatz "Schule" sind:


 

I. Die Anforderungen wachsen insgesamt:
- von seiten der Wirtschaft, der Eltern und der Bildungspolitik. 
Es gibt zwar gesellschaftlichen Druck, aber nicht so viel Unterstützung.
Hierfür ein Beispiel aus diesem Kuriositäten-Kabinett: Ein "Ruck" sollte laut Ex-Bundespräsident Roman Herzog durch die Gesellschaft gehen, besonders im Bereich der Bildung.
Da werden dann angeblich "Schulen ans Netz" gebracht. Nur: Wo bitte sind die Internet -Anschlüsse für eine gesamte Lerngruppe("Klasse")? Denn: In vielen Schulen, die ich kenne, steht ein Computer mit Internetzugang, der nicht mit anderen vernetzt ist, und das ist ja eher ein Witz.
Und wenn man dann ins Detail schaut, wird`s noch arger: Konkrete Software für meine Fächer: Mangelware!
Konkreter Netzwerkaufbau für computergestützten Unterricht durch die Schulbehörde oder technischer Support: Fehlanzeige!

 


 

II. Die heutigen SchülerInnen brauchen/fordern viel stärker ihre Lehrer (in ihren Erwartungen ganz andere Lehrer), weil...
 

- viel mehr Kinder       * mediengeprägt,

* verwöhnt,

* hedonistisch und/oder

* "asozial" sind.*

Ich kann hier nicht ins Detail gehen. Dennoch stehen LehrerInnen mit Sicherheit zur Verfügung, um das auffällige Verhalten von heutigen SchülerInnen zu beschreiben. Und sie stehen ja auch täglich bereit, um zu helfen.

(*Vgl.: Klippert, Heinz: Methodentraining, Beltz-Verlag Weinheim/Basel 1994)


 

III. Weshalb LehrerInnen Stress haben 
(zwei beispielhafte Zeitungsmeldungen)
 

1. "Lehrer haben Stress - und nicht zu knapp. 6000 Entscheidungen in sechs Stunden hätte ein Pädagoge im alltäglichen Berufsleben zu treffen, so Professor Bernhard Sieland (Uni Lüneburg) am Rande einer Tagung über Arbeitszufriedenheit und Schulgesundheit in Flensburg.
"Diese Entscheidungsdichte ist mit der von Fluglotsen zu vergleichbar", so Sieland. Im Unterschied zu Lehrern würden Fluglotsen aber mit 55 Jahren in Rente geschickt. Das Typische des Lehrerberufes ist außerdem, dass man eben nicht wie viele andere "Feierabend" hat, wenn man nach Hause geht, sondern auch zu Hause noch Probleme und Problemchen weiterbearbeitet.

"Weitere Stressquellen: Das veränderte Umfeld, in dem Kinder heute aufwachsen. Immer mehr Eltern schieben ihre Kinder einfach in die Schule ab. Dort muss dann die Erziehungsarbeit geleistet werden." (26.09.99)

 

Der zweite Zeitungsbericht zeigt den Unterschied der Schulformen und die besonderen Belastungen aus der Sicht einer Hauptschullehrerin:

2. "Heutzutage gilt es unter Lehrern als Strafe, wenn man an einer Hauptschule unterrichten muss. (...) Ich kenne einige Kollegen, die in der letzten Zeit ihren Dienst quittiert haben. Die haben aufgegeben. Ausgelaugt und krank. Mich wundert das nicht: Hauptschulen sind zu Auffangbecken geworden. Für Menschen aus allen Himmelsrichtungen, die unvorbereitet aufeinander treffen. Dadurch entstehen gigantische Aggressionen. Verbal können sie die wegen der fehlenden gemeinsamen Sprache nicht abbauen... .
Dass ich mich als Fotze, Schlampe oder Arschloch beschimpfen lassen muss - damit muss ich leben. Anfangs habe ich es den Schülern verboten. Aber dann lachen sie nur und setzen auf libanesisch oder russisch noch einen drauf. Soll ich diese Sprachen lernen, um die Beleidigungen zu verstehen? (...)

Und die Eltern? Die stacheln ihre Kinder noch auf:
`Laß Dir doch von der nichts sagen! Das ist nur eine Frau.´ 
Und bei manchen Kulturen hat man dann eben schlechte Karten. Elterngespräche bringen da nichts. Meist kommt es gar nicht dazu. (...) Morgens wache ich schon mit Magenschmerzen auf. Wie lange ich das noch durchhalten werde, weiss ich nicht. Und dann muss ich mir von allen Seiten anhören, wie gut es den Lehrern geht. Dass sie faul sind und ständig in Urlaub fahren. Wunderbar." (02.10.99)

Wer allerdings jetzt meint, dass die Hauptschule die benachteiligste Schulform sei, der/die irrt:
Die Realschule hat mit 1 zu 22,5 die ungünstigste Lehrer-Schüler-Relation aller vergleichbaren Schulformen. Für Laien kann dieser Wert nichtssagend sein, aber die Realschulen haben die höchsten Klassengrößen: Dies bedeutet für die KollegInnen eine erhebliche Mehrbelastung und ist insbesondere für die schwächeren SchülerInnen äußerst nachteilig.
In Ausstattung und Lehrerversorgung liegt die Realschule schließlich in Nordrhein-Westfalen in der "Bildungs-Bundesliga" auf den letzten beiden Plätzen.


 
 

IV. Dem gegenüber steht für LehrerInnen eine gleichzeitige Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und Honorierung durch den "Dienstherrn" und die Politik:
 

- > viel zu große Klassen (im Durchschnitt 30 Schüler/ 
      -Innen), stetige Steigerung bis 2005

- > schlechte technische, organisatorische, bauliche und 
     finanzielle Schulausstattung - es handelt sich um häufig
    "völlig überalterte und sanierungsbedürftige Einrichtungen"
    (WAZ, 05.01.01) bei Etatkürzung für Schulbaumittel.

- > immer neue Aufgaben an die LehrerInnen, 
     die nun gaaanz kreativ Schulprogramme entwickeln (und 
     umsetzen) müssen, ohne Unterstützung/Ausgleich zu 
    bekommen

-> LehrerInnen sollen zur "Qualitätsentwicklung" von Schule 
    beitragen 

-> werden diese Anforderungen vom Dienstherrn erhöht, wird andererseits vom Bildungsministerium verlangt, die dafür nötige Weiterbildung auf`s Wochenende zu verlagern

-> die (Unterrichts-) Pflichtstundenzahl für LehrerInnen wurde ohne Mehrvergütung erhöht (mehr Unterricht zu geben - das wird ja wohl nicht die Qualität erhöhen?), die Deckung des Unterrichtsbedarfs reicht nicht aus, die vorher vorhandene Stellenreserve wurde durch die Landesregierung gestrichen, so Unterrichtsausfall gesteigert

-> ab Schj.1999/2000 gibt es Zwang zu Zweitkorrekturen für alle Klassenarbeiten = Mehrarbeit (sog. "Parallelarbeiten")

-> LehrerInnen "dürfen" zur Finanzierung schuleigener Projekte auf Sponsoring-Suche gehen (wie gehabt: ohne Vergütung, Entlastung o.ä.)

- > Anwärterbezüge wurden ab 01.01.99 gekürzt. Beispiel:
"Für einen 27jährigen verheirateten Lehramtsanwärter wirkt sich die Kürzung kumulativ aus, d.h. gegenüber bisherigen Bezügen ein Minus von 25 %." (Quelle: NWLZ, 01.06.99)
Aber dafür haben diese jetzt auch noch Mehrarbeit durch "eigenverantwortlichen Unterricht" zu leisten - nebenbei machen sie ja "nur noch" ihr 2. Staatsexamen.

- > das Tarifergebnis des öffentlichen Dienstes wird zur Einsparung erst zwei Monate später umgesetzt, das Weihnachtsgeld seit 1993 nicht mehr entsprechend erhöht.

- > es werden keine Konsequenzen gezogen aus von der Landesregierung beauftragte aktuelle Arbeitszeituntersuchen (mummert und Partner), die - wohl mit anderer Zielrichtung gestellt- belegen, dass LehrerInnen aller Schulformen deutlich (!) über dem regulären Wert von 1702 Jahresstunden des öffentlichen Dienstes liegen (trotz der Ferien!).

- > dazu kommt, dass führende Politiker "vorbildhaft" unterstellen, Lehrer seien Faulenzer (z. B. G. Schröder)  oder trügen die Verantwortung für (Organisations-) Defizite ( G. Behler). Unter diesen Bedingungen erscheinen geplante Image-Kampagnen des Kultusministeriums pro Lehrer als Hohn!



Nachtrag:

Trotz dieser unangenehmen Begleitmusik:

Man sieht, so hoffe ich (trotz des unvermeidlichen Eindrucks von unermesslichem Gejammer, denn ich mag meinen Beruf):

"LehrerIn" ist ein abwechslungsreicher und anspruchsvoller Beruf, der aber auch viel mehr verlangt als 

-> leichte 45 Minuten- mal-eben-unterrichten, 

-> einen geregelten 8-Stunden-Tag und schön viel Freizeit!

Und wer jetzt noch meckert: 

JedeR, der/die ein Examen im Bereich der Note "Eins" machte, konnte (nach Jahren des Einstellungsstopps) und kann

"sogar" selbst LehrerIn werden!

Tipps zum Studium gibt`s natürlich gerne bei mir: 




Das Letzte
Immer noch aktuell: Artikel in der "WAZ" von 1999 (zum Vergrößern mit dem Mauszeiger auf den Artikel klicken)

 

"Traumjob Lehrer":  Frank G. Pohl: www.frankpohl.de - fgp - Version 4 -  06/2007
- Update: 15.06.2007