Der Autor des folgenden Textes ist Paul Pfeffer (erschienen: 02. Oktober 2002). Sein Text ist als Reaktion auf die geführte PISA-Diskussion zu verstehen, in der Unterricht und die Akteure, die ihn gestalten (Schüler, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer), kaum vorkamen.

 

Zwischenrufe aus dem Lehrerzimmer

Meine These ist, dass die Lehrer – und damit die Schule – seit Jahrzehnten nicht so gut sind, wie sie sein könnten. Dies ist Versäumnissen und Fehlentwicklungen der Vergangenheit und daraus resultierend kontraproduktiven schulischen Arbeitsbedingungen geschuldet. Sie müssen dringend verändert werden. Die Chancen für grundlegende Reformen stehen schlecht:
Weil die Bildungspolitiker derzeit trotz großen Geschreis über Pisa nicht wirklich grundlegend etwas ändern wollen; und weil auch die Lehrerschaft derzeit nichts ändern will und kann. Dabei denke ich nicht an Veränderungen an der Oberfläche,sondern in den Eingeweiden der Schulen, im Unterricht und an den Orten der pädagogischen Praxis. Dafür gibt es Gründe.

1. Zwischenruf:
                   Nicht die Besten werden Lehrer!

Ist das zu hart formuliert? Sollte ich nicht lieber sagen: die Geeignetsten? Die Probleme beginnen schon bei der Berufsentscheidung. Wer wird hierzulande Lehrerin oder Lehrer?  Es sind tendenziell diejenigen, die sich eine Karriere in der "freien" Wirtschaft nicht zutrauen. Es sind die eher Ängstlichen und Defensiven, die im Zweifelsfall auf Sicherheit aus sind. Das hat viel mit dem gesellschaftlichen Umfeld, aber auch mit einer unheilvollen Tradition des Berufsimages zu tun. Lehrer sind nicht angesehen, sie erfahren wenig öffentliche Wertschätzung.
Wir sind in Deutschland meilenweit von der Ansicht entfernt, wie sie etwa in skandinavischen Ländern anzutreffen ist, dass nämlich in die schulische Bildung die Besten gehören, die das Land aufzuweisen hat. Die Geringschätzung oder gar Verachtung des Lehrerberufs oder pädagogischer Arbeit allgemein ist tief in den deutschen Köpfen verankert.Fast schon tragisch ist, dass Lehrer, die erkennbar den falschen Beruf gewählt haben, in der Schule hängen bleiben und dort aus Hilflosigkeit oder Unfähigkeit großes Unheil anrichten. Jeder  Schüler, jeder Schulleiter, jeder Klassenelternbeirat kann ein Lied davon singen. Es ist derzeit nicht möglich, solchen Kollegen eine einigermaßen würdige Alternative zur Schule zu bieten.

2. Zwischenruf:
                    Sprecht mit den Lehrern, nicht bloß über sie!

Die Kultusminister und ihre Bürokratien haben es in den letztendreißig Jahren versäumt, die Lehrerschaft in den bildungspolitischen Diskurs systematisch mit einzubeziehen.
Bildungspolitische Reformen und Reformversuche werden nach wie vor von oben verordnet statt von unten entwickelt. Das ist eine Folge hierarchischen Denkens und hierzulande gängiger Behördenstil. Dadurch werden die Adressaten der Reformen – nämlich Schüler und Lehrer – nicht erreicht.
Bildung ist inzwischen zu einem so wertvollen Rohstoff geworden, dass sie nicht nach Behördenart verordnet und verwaltet werden darf. Die Schulen mit den beteiligten Schülern, Eltern und Lehrern müssen einen großen Teil ihrer Angelegenheiten selbst regeln. Die Kultusbürokratien könnten um mindestens die Hälfte verschlankt werden, wenn man den Schulen mehr Autonomie, sprich  Entscheidungsfreiheit geben würde. Die Forderung heißt: Subsidiarität. Was in der Schule anliegt, soll auch in der Schule entschieden werden. Das betrifft Personal- und Finanzentscheidungen sowie vor allem das pädagogische Profil.Das heißt nicht, dass die Behörden überflüssig werden, sondern dass sie auf ein vernünftiges Maß schrumpfen. Positiver Nebeneffekt: Wer vernünftige Entscheidungen vor Ort treffen will, muss sich mit der Situation und der eigenen Rolle intensiv beschäftigen. Subsidiarität heißt eben auch, dass der bildungspolitische Diskurs und die Entscheidungskompetenzen wieder dorthin zurückkehren müssen, wo sie hingehören: in die Schulen, zu denen, die die eigentliche pädagogische Arbeit leisten.

3. Zwischenruf:
                    Stärkt die Lehrer, statt sie zu beschimpfen!

Eine Bildungsreform geht nicht ohne die Lehrerinnen und Lehrer,aber mit ihnen auch nicht. Jedenfalls nicht mit dem derzeitigen Personal in seinem derzeitigen Zustand. Die Lehrerschaft ist in der Mehrzahl nicht reformfähig und -willig. Warum? Weil sie sich übergangen, überlastet und ausgepowert fühlt. Das Selbstbewusstsein als Berufsgruppe und die Motivation sind am Boden. Das liegt daran, dass das Selbstverständnis der Lehrerschaft einem heimlichen Lehrplan unterworfen ist, der fatale Auswirkungen hat. Die Lehrer sind in den letzten zwanzig Jahren an allen Fronten der Bildungsdiskussion in die Defensive, teilweise sogar ins Abseits gedrängt worden, was zum Teil ihre eigene Schuld ist, was aber  in der Hauptsache auf die offene oder versteckte Verachtung durch weite Teile der Gesellschaft zurückzuführen ist. Man beschimpft die Lehrer der Nation und macht sie pauschal zu Sündenböcken, statt sie zu stärken und den gesellschaftlichen Wert ihrer Arbeit anzuerkennen. Die Folgen für den Berufsstand sind katastrophal. Wir haben zurzeit zu viele isolierte, passive, frustrierte, unzufriedene, verbitterte, zynische, demotivierte, furchtsame, wenig innovative Lehrer. Das ist kein Wunder: Wer in der Defensive ist, duckt sich, weicht aus, reagiert ängstlich, schafft sich Nischen und engagiert sich gerade nur so viel, dass er überlebt. Ausnahmen bestätigen da nur die Regel. Neue Lehrerinnen und Lehrer braucht das Land! Aber woher sollen sie unter diesen Bedingungen kommen?

4. Zwischenruf:

Gestaltet die Lehrerausbildung praxisnah!

Selbstverständlich gibt es in unseren Schulen gute Lehrer. Aber es gibt sie als pädagogische Naturtalente, als Resultate glücklich zusammengesetzter Persönlichkeitsvariablen und relativ guter Rahmenbedingungen, selten als Ergebnis konsequenter Qualifizierung. Die Lehrerausbildung ist trotz unendlichen Geredes nach wie vor miserabel im Hinblick auf das, was von einer Lehrkraft im Schulalltag wirklich gefordert wird: professionelle pädagogische Einstellung und Methodenkompetenz auf der Basis einer soliden fachwissenschaftlichen Ausbildung.

Nach wie vor studieren Lehramtsstudenten der weiterführenden Schulen mit dem Bewusstsein, sie seien eigentlich in erster Linie Mathematiker, Germanisten, Anglisten usw. und erst in zweiter Linie Pädagogen. Sie machen sich nicht früh genug klar, dass ein Lehrer vorrangig ein Fachmann für Kommunikation sein muss und dann erst Fachwissenschaftler.

 5. Zwischenruf:
                     Pädagogen brauchen Supervision!

 Bei Berufen, die vorrangig mit Menschen zu tun haben, ist es notwendig, regelmäßig mit Kolleginnen und Kollegen über die eigene Position im beruflichen Beziehungsgeflecht zu reflektieren und dabei die eigenen blinden Flecken aufzuspüren. Das ist bei Therapeuten selbstverständlich, bei Sozialarbeitern und Sozialpädagogen ebenfalls. Bei Lehrern hält man es für überflüssigen Luxus, bestenfalls für Privatsache. Lehrer haben in der Regel an ihrem Arbeitsplatz Schule keine Zeit und kein Forum, angemessen über ihre Berufstätigkeit nachzudenken. Dabei wäre dieses Nachdenken bitter notwendig, gerade in den ersten
Berufsjahren, wenn die Lehrerpersönlichkeit sich herausbildet. Hier würde eine obligatorische Supervision helfen. Aber die ist für Lehrer eben nicht vorgesehen. Zu teuer. Außerdem hat die
 Unterrichtsabdeckung Vorrang. Ganz egal, wie gut der Unterricht ist.

6. Zwischenruf:
                   Lehrer dürfen keine Einzelkämpfer sein!

Vor allem die Lehrerinnen und Lehrer an den weiterbildenden Schulen sind in der Mehrzahl Einzelkämpfer. Die Zwänge des Schulalltags lassen eine breite Kooperation zwischen Lehrkräften nicht zu. Diese machen aus der Not eine Tugend, fühlen sich als "autonome" Individuen und kochen im eigenen Saft jahrzehntelang vor sich hin. Das kann gut gehen, wenn das Individuum stark genug ist, seinen eigenen Stil zu entwickeln und zum "Original" zu
werden. Jeder kennt die unverwechselbaren Lehrertypen, die in der Erinnerung der Schüler zu Legenden werden. Das kann und darf aber nicht die Regel sein.
Teamarbeit und Kooperationskultur sind in den meisten Lehrerkollegien unterentwickelt. Wie aber soll ein Lehrer, der selber keine Teamerfahrungen hat, vielleicht sogar gar nicht teamfähig ist, den Schülern eben diese Teamfähigkeit vermitteln? Eine Koordinations-Stunde pro Woche würde genügen, um für Lehrer Raum zu schaffen, sich in Teams mit Kollegen kontinuierlich (!) fachlich und pädagogisch auszutauschen, die eigene Praxis zu reflektieren und gemeinsam weiter zu entwickeln.

7. Zwischenruf:
                    Unterrichtsqualität ist wichtiger als Unterricht um jeden Preis!

Eines der größten Ärgernisse für Lehrer ist, dass Bildungspolitiker allzu häufig den Unterricht auf die reine Quantität reduzieren. Wenn der Unterricht "abgedeckt" ist, ist alles in Ordnung. Nichts ist in Ordnung! Denn Unterricht ist zwar auch eine Frage der Quantität, aber vor allem der Qualität. In einer guten Unterrichtsstunde kann mehr vermittelt werden als in zehn schlechten.Die Leistungsfähigkeit eines Bildungssystems hängt aber direkt mit der Fähigkeit zusammen, flächendeckend guten Unterricht anzubieten. In unserem Land ist es mit dieser Fähigkeit schlecht bestellt. In den meisten Schulen hat sich eine Art pädagogischer Minimalismus etabliert, der bei allen Beteiligten dumpfes Unbehagen hinterlässt. Die Grundstimmung ist Langeweile. Das heißt nicht, dass es nicht dann und wann Highlights gäbe. Aber diese Highlights gibt es nicht wegen, sondern trotz der Art, wie wir Schule machen. Wo
viel Schatten ist, strahlt eben ein kleines Licht besonders hell. Dazu kommt, dass in der Lehrerschaft keine offene Diskussionüber die Frage stattfindet, was denn "guter Unterricht" sei. Darüber reden nur die Bildungsfunktionäre und Universitätspädagogen. Sie tun es seit Jahren mit durchschlagender Folgenlosigkeit.

8. Zwischenruf:
                    Lehrer müssen sich kontinuierlich weiterbilden!

Das Wissen darum, was guter Unterricht ist, ist an der Basis unterentwickelt. Aber woher soll Qualitätsbewusstsein auch kommen? Die Lehrer können sich nicht auf ein System kontinuierlicher und obligatorischer Fort- und Weiterbildung stützen. Fortbildung ist in den meisten Bundesländern Privatsache. So kann es passieren, dass an ein und derselben Schule in ein und demselben Fach ein Lehrer völlig unbehelligt mit Materialien und Methoden von vor dreißig Jahren arbeitet, während ein anderer sich ständig weiterbildet, seinen Unterricht zu verbessern versucht und sich um Aktualität bemüht. Ist das der Sinn von pädagogischer Freiheit? Wohl nicht. Aber es ist gängige Praxis. Auch Fachkonferenzen, Fachbereichsleiter und die Schulaufsicht können daran wenig ändern. Noch weniger Wirkung in Richtung mehr Unterrichtsqualität zeigen gut gemeinte Einrichtungen wie Schulprogramme, Evaluationsbemühungen und Qualitätssicherung. Warum? Weil sie von oben aufgesetzt sind, ohne dass ein Bewusstsein für die Qualität des Unterrichts von unten entwickelt worden ist.
Evaluateure und Evaluierte leben auf verschiedenen Planeten und reden bestenfalls aneinander vorbei.
(...)

Fazit:
Lehrerinnen und Lehrer spielen bei der inneren Bildungsreform eine entscheidende Rolle. Aber diese Einsicht ist noch nicht in die Köpfe der Verantwortlichen vorgedrungen. Es wird höchste Zeit! Denn die folgenden Fragen müssen eine Antwort finden, wenn eine Reform des deutschen Bildungswesens gelingen soll:

Wer motiviert eigentlich die Motivateure?
Woher bekommt ein Lehrer die Kraft für einen Schulvormittag?
Wie können Anreize für bessere Lehrer-Leistungen geschaffen werden?
Wie entsteht ein kreatives, leistungsförderndes Schulklima?
Wie gelangen Reformansätze in die Klassenzimmer?

Wer das Bildungssystem verbessern will, muss für besseren Unterricht sorgen. Wer besseren Unterricht will, muss bessere Lehrer ausbilden. Wer bessere Lehrer haben will, muss sich mit den Arbeitsbedingungen an den Schulen auseinandersetzen und sie zielgerecht revidieren.
 

 Was sich aus Lehrersicht ändern muss:

 1. Sorgt dafür, dass die besten Leute Lehrer werden! Lockt sie in die Schule! Gebt ungeeigneten Lehrern die Chance, die Schule mit Würde zu verlassen!


 2. Macht Bildung zur Hauptsache! Entfacht eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber, was in den Schulen gelehrt und gelernt werden soll! Richtet runde Tische mit allen an der Schule Beteiligten ein! Bezieht die Lehrer in den bildungspolitischen Diskurs systematisch mit ein! Gebt ihnen dieentsprechenden Foren, auf denen sie sich zu Wort melden können!


 3. Gebt den Lehrern mittelfristig ein Image, das der  gesellschaftlichen Bedeutung ihrer Arbeit entspricht!Stärkt ihr Selbstbewusstsein, denn nur ein gelassener und selbstbewusster Lehrer ist ein guter Lehrer!


 4. Bildet die Lehrer in der Praxis für die Praxis aus! Lehrer brauchen kommunikative, pädagogische und methodische Kompetenz auf der Grundlage einer soliden fachwissenschaftlichen Ausbildung!


 5. Gebt den Lehrern eine obligatorische Supervision in den ersten Berufsjahren! Nur so kann die "déformation professionelle" in Grenzen gehalten werden!


 6. Gebt den Lehrern eine Stunde pro Woche, in denen sie sich fachlich und pädagogisch koordinieren können! Lehrer müssen an ihren Schulen in eigener Regie eine Diskussions- und Kooperationskultur aufbauen! Hilfreich für die Konzentration der Lehrer auf ihr Kerngeschäft wären Schulsozialarbeiter an allen Schulen zur Entlastung der Lehrer bei Problemfällen!


 7. Sorgt für Unterrichtsabdeckung, aber macht euch   noch mehr Gedanken um die Verbesserung der Unterrichtsqualität! Führt eine breite Diskussiondarüber, was guter Unterricht ist und wie man ihn in den Schulen auf Dauer etablieren und weiter entwickeln kann!


 8. Gebt den Lehrern die Möglichkeit, sich kontinuierlich weiterzubilden! Aus- und Weiterbildung sind die Grundlagen für solide Lehrerqualifikation!


 9. Schafft die Voraussetzungen dafür, dass an den Schulen ein Klima entsteht, in dem Leistung ausdrücklich und selbstverständlich anerkannt wird! Entwickelt ein klares und differenziertes Anreizsystem für pädagogische Leistung! Setzt Signale gegen die Behörden- und Beamtenmentalität!


 

Der Text ist erschienen in der GEW-Zeitung "Erziehung und Wissenschaft" 10/2002, S. 7-9.

Der Autor Paul Pfeffer ist Lehrer für Deutsch, Wirtschaft und Politik an der Altkönigschule in Kronberg im Taunus. Er ist außerdem Mitglied im Team des Kulturmobils Hessen für Kreatives Schreiben und Leseförderung.


weitere Texte: PISA und die Eltern , Pisa und der Ganztag

zurück: zur "Lehrer-Seite"


"Zwischenrufe aus dem Lehrerzimmer ":  Frank G. Pohl: www.frankpohl.de - fgp - Version 4 -  05/2007
- Update: 17.05.2007