Extremismus in Deutschland und anderswo

"Nazi" ist ein Schlagwort, auf das Jugendliche gelegentlich treffen, verbunden mit einer vagen Vorstellung davon, was dahinter steckt. Für einige ist jeder, der ausländerfeindlich ist, ein "Nazi". Dass Ausländerfeindlichkleit allein aber nicht schon einen Nazi ausmacht und dass jemand in gewisser Weise auch "Nazi" sein kann, ohne Deutscher zu sein, soll hier näher beschrieben werden.

Die Ideen von "Nazis" werden politisch gesehen dem "Rechtsextremismus" zugeordnet. Extremismus beschreibt in der Politik bestimmte Gruppen, die in ihren Zielen und teilweise fanatischen Methoden grundlegend von den Werten der jeweils bestehenden Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung abweichen. Was neben der herrschenden Politik liegt, wird als "links-" oder "rechtsextremistisch" bezeichnet. Welche Ideen mit eher "rechts" verbunden sind, kannst du anhand der fett gedruckten Überschriften auf dieser Seite sehen (siehe unten).

Rechtsextremistische Vorstellungen gibt es in jedem Land der Welt. Die unten beschriebenen rechtsextremen Merkmale bei deutschen Rechtsextremisten wie Nationalismus und Rassismus sind sehr gut vergleichbar mit denen von Rechtsextremisten in anderen Ländern (z. B. in der Türkei mit den "grauen Wölfen" der rechtsextremen Partei MHP, Milliyetçi Hareket Partisi, oder in Frankreich mit der "Front National").

Die Grenze zwischen Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus ist fließend. Zu Unrecht wird der Extremismus häufig mit Radikalismus gleichgesetzt. Auch radikale politische Ideen haben in unserer demokratischen Gesellschaft ihren Platz - solange die Grundprinzipien der Verfassung nicht verletzt werden: also zum Beispiel das Recht der anderen auf Meinungsfreiheit sowie die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Der Verfassungsschutz hat Ende 2003 in Deutschland rund 41.500 Rechtsextremisten gezählt. Als gewaltbereit gelten davon etwa 10.000. Rechtsextremismus ist jedoch kein in sich geschlossenes Weltbild. Es gibt verschiedene Ausrichtungen. Rechtsextreme Weltbilder erwachsen weltweit in erster Linie aus zwei Wurzeln: Nationalismus und Rassismus.

Nationalismus
Rechtsextremisten streben eine so genannte "Volksgemeinschaft" an, in der die Rechte und Interessen des Einzelnen hinter dem Wohl der Gemeinschaft zurückstehen. Die Zugehörigkeit zu einer Nation oder "Rasse" und der Nutzen des Individuums für diese Gemeinschaft machen den Wert eines Menschen aus. Die Interessen der eigenen Nation stehen dabei klar über den Interessen anderer Länder.

Rassismus
Rechtsextreme verneinen die Gleichheit aller Menschen. Sie sind der Überzeugung, dass eine friedliche und gleichberechtigte Koexistenz verschiedener Völker und "Rassen" unmöglich ist - zumindest in einem Land. Ihrer Meinung nach gilt das biologisch begründete "Recht des Stärkeren", das auch den Einsatz von Gewalt rechtfertigt.

Ausländerfeindlichkeit / Fremdenfeindlichkeit
Mit dem aggressiven Nationalismus geht eine menschenverachtende Fremdenfeindlichkeit einher, die sich insbesondere gegen Asylbewerber, Migranten und Bürger ausländischer Abstammung und in den letzten Jahrzehnten auch wieder vermehrt gegen Menschen anderen Glaubens richtet. Zur "deutschstämmigen Nation" zählen nach Ansicht der deutschen Rechtsextremen weder deutsche Juden, noch von Ausländern abstammende oder eingebürgerte Deutsche.

Antisemitismus
Ein weiteres Kennzeichen des weltweiten Rechtsextremismus ist der offene oder verdeckte Antisemitismus - der Hass gegen alle Menschen jüdischen Glaubens.

Diskriminierung
Der Rechtsextreme glaubt zu wissen, wie andere ihr leben führen müssen - ob sie wollen oder nicht, ob sie können oder nicht. Zur ausgeprägten Fremdenfeindlichkeit kommen sogenannte "sozialdarwinistische" Einstellungen. Alles, was für sie als "nicht normal" giilt wird abgelehnt, bis zum Hass auf gesellschaftliche Randgruppen wie Behinderte, Homosexuelle und sozial Schwache wie z.B. Obdachlose.

Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus fallen den meisten Schülerinnen und Schülern zwar sofort als Ideen von Nazis ein. Tatsächlich gehen die Vorstellungen von Rechtsextremisten aber noch viel weiter. Sie wollen einen "starken Mann" (Führerprinzp) und eine rassich "reine" Gesellschaft, in der die Nazis vorgeben, wie andere zu leben haben. Weil sie den Führerstaat unter Hitler als vorbildhaft ansehen, leugnen oder verharmlosen heutige Nazis die Verbrechen in der Nazi-Zeit. (Dies wird als "Revisionismus" bezeichnet.)

Das Führerprinzip
Ihr Ideal: Bei den rechten bestimmen starke Machthaber die Gesellschaft. Sie dienen als Identifikationsfiguren und Vorbilder und handeln intuitiv nach dem Willen des Volkes - so die Überzeugung der Rechten. Strenge Hierarchien (Führer und Geführte) bestimmen das Staatsgefüge, soziale und politische Handlungsspielräume werden auf Befehl und Gehorsam reduziert. Demokratische Strukturen (Debatten, Streit, Kompromisse) werden dagegen als "volkszersetzend" abgelehnt. Wo also ein Staat und eine moderne Gesellschaft für viele undurchschaubar erscheinen, geben die Rechten klare Strukturen vor - dies bietet für einige Mitläufer ein Gefühl von Sicherheit.

Der Revisionismus
Typisch sind auch die Verharmlosung, Rechtfertigung oder Leugnung der grausamen Verbrechen der nationalsozialistischen Machthaber in der Zeit von 1933 bis 1945. Der industriell betriebene Massenmord an Millionen von Menschen in deutschen Konzentrationslagern wird unter Hervorhebung angeblich positiver Leistungen der Nazi-Herrschaft unter Hitler bestritten. Hinzu kommt, dass einige wieder von einem "Großdeutschen Reich" träumen. Diese Einstellung ist vergleichbar mit türkischen Rechtsextremisten, die von einem neuen "Osmanischen Reich" träumen statt der demokratischen Türkei.

Neonazismus
Genau genommen gibt es fast keine "echten" Nazis mehr, denn hierbei handelt es sich um Anhänger von Adolf Hitler in der Nazi-Zeit von 1933 bis 1945. Sie waren Mitglied der "NSDAP", der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Als "Nationalsozialisten" wurden sie verkürzt als die "Nazis" bezeichnet. Heutige Nazis, die diesen Ideen wieder nachlaufen, werden als "Neonazis" bezeichnet, wobei "neo" für "neu" steht. Also heißt das: die "neuen Nazis". Der Neonazismus wird auch Neofaschismus oder neuer Nationalsozialismus genannt. Dabei handelt es sich um eine besondere Erscheinungsform des Rechtsextremismus. Neonazis bekennen sich offen zur faschistischen Ideologie des Nationalsozialismus. Ihr Vorbild: Adolf Hitler. Ihr Ziel: die Errichtung eines vom Führerprinzip bestimmten autoritären beziehungsweise totalitären Staates. Sie sind gegen die Demokratie und gegen unsere Verfassung. Eine Nazi-Führungselite soll Entscheidungen treffen statt demokratischer Prozesse, weil Neonazis das Volk für dumm halten und demokratisch gewählte Volksvertreter als korrupt darstellen. Dass durch weniger demokratische Kontrolle - in dem eine abgeschirmte Nazi-Gruppe entscheidet - dann aber weniger Korruption stattfinden soll, diesen Beweis bleiben Neonazis schuldig.


Rechte Organisationen: die Parteien
Parteien wie NPD, DVU oder die Republikaner, die über die Beteiligung an demokratischen Wahlen politischen Einfluss gewinnen wollen. So ist beispielsweise die NPD in den letzten Jahren verstärkt zum Anziehungspunkt und Sammelbecken für junge Neonazis und Skinheads geworden. Diese werden zwar nicht unbedingt Parteimitglieder, dienen der NPD aber bei Veranstaltungen als Helfer.
Die NPD "fördert" ihre Mitglieder. Sie veranstaltet "Schulungen" und versucht gezielt, Jugendliche in die Szene einzubinden und ihnen Aufgaben zu übetragen, wodurch sie sich wichtiger fühlen. Die NPD kümmert sich um ihre Anhänger: Sie hilft bei Behördengängen, bei der Jobsuche - und vor Gericht. Parteinahe Anwälte stehen den Angeklagten nach Straftaten zur Seite.

Rechtsextremistische Skinheads
Diese zunächst eher unpolitische Jugendbewegung geriet Anfang der 80er-Jahre zunehmend unter den Einfluss rechtsextremistischer Organisationen. Seit Anfang der 90er-Jahre bilden rechtsextremistische Skinheads die zahlenmäßig größte Gruppe der gewaltbereiten Rechtsextremisten in Deutschland. Besonders attraktiv wirkt diese Szene auf Jugendliche durch die spaßorientierte Haltung ihrer Anhänger. Der Besuch von Skinhead-Konzerten, exzessiver Alkoholkonsum und eine durch Provokation und Vandalismus zur Schau gestellte Gewaltbereitschaft spielen dabei eine große Rolle. Das Weltbild rechtsextremer Skinheads besteht zumeist aus nationalistischen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Versatzstücken.

Wichtig für den Zusammenhalt der Szene sind die konspirativ organisierten Skinhead-Konzerte. Sie vermitteln den Jugendlichen ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, verstärken die Bindung an die Szene und dienen dem Informationsaustausch. Die Kommunikation innerhalb der Szene läuft zudem über Magazine und in zunehmendem Maße auch über einschlägige Internetseiten und -Chats.

Neonazistische Gruppen
Das sind Gruppen wie z.B. das "Nationale und Soziale Aktionsbündnis" aus Hamburg. Es will die so genannten freien Nationalisten vernetzen, verfügt über Kontakte in ganz Norddeutschland und organisiert Demos und Schulungen. Es versteht sich als politische Elite einer neuen national-sozialistischen Bewegung. Daneben gibt es regionale Kameradschaften mit 10 bis 15 Mitgliedern, hierarchisch strukturierte Verbände (also mit Befehlsstruktur), die ganze Regionen dominieren, und auch lose Kleingruppen und Einzeltäter, die Anschläge und Gewalttaten planen.

 

Es bestehen an Orten, an denen rechtsextreme Gruppierungen präsent sind, für Schüler/innen sehr viel größere Schwierigkeiten als für Erwachsene. Jugendliche sind häufiger Betroffene (wenn sie nicht "deutsch" Aussehen oder eigene Meinungen haben), weil Erwachsene im Alltag in der Regel weniger Berührungspunkte mit diesen Gruppen haben - weder gehen sie in Schulen, noch in Jugendtreffs und Diskotheken oder verbringen ihre Freizeit auf der Straße, dem Dorfplatz oder vor dem Einkaufscenter.

 
 
 

"Rechtsextreme/Neonazis": Frank G. Pohl: www.frankpohl.de - fgp - Version 4 -  2007
-zuletzt geändert: 17.05.2007